Category: Analytik
Ladetarife im Netzvergleich: Was die Daten zeigen
Der kWh-Preis eines Netzes ist nie der ganze Preis. Welche Posten den Vergleich brechen, was Roaming ändert und wie man Tarifänderungen erfasst.
Fragt man ein Ladenetz nach seinem kWh-Preis, bekommt man eine einzelne Zahl. Diese Zahl ist fast nie das, was am Ende bezahlt wird.
Mitglieder und Gäste zahlen im selben Netz unterschiedlich. AC und DC werden getrennt bepreist. Manche Netze erheben eine feste Startgebühr, manche einen Minutenanteil, die meisten eine Blockiergebühr für belegte Ladepunkte nach Ladeende. Dazu kommt Roaming: Derselbe physische Ladepunkt kann zu drei verschiedenen Preisen laufen, je nachdem, mit welcher App gestartet wurde. Schaufensterpreise zu vergleichen heißt deshalb, Schaufenster zu vergleichen, nicht Preise.
Die vergleichbare Einheit ist ein Referenzvorgang
Der einzig ehrliche Weg, Tarife nebeneinanderzulegen, ist, sie alle durch dasselbe Szenario zu schicken. Etwa dreißig kWh an einem 120-kW-DC-Ladepunkt, dreißig Minuten Dauer, innerhalb von fünf Minuten nach Ladeende abgesteckt. Ist das fixiert, ergibt jedes Netz genau eine Summe, und der Vergleich wird belastbar.
Jeder Vergleich ohne Referenzvorgang übergeht die Posten, die ein Netz gerade berechnet. Ein Netz mit Startgebühr zeigt naturgemäß einen niedrigeren kWh-Preis; ein Netz mit Minutenabrechnung kostet bei einem langsam ladenden Fahrzeug deutlich mehr, wirkt in der Liste aber günstig. Auf denselben Vorgang angewandt, dreht sich die Reihenfolge häufig um.
Auch die Gewichtung gehört zum Szenario. Ein Flottenprofil ist AC-lastig, ein Fernstraßenprofil DC-lastig, und beides ist real. Zwei oder drei Profile statt eines erlauben es, aus denselben Daten unterschiedliche Rangfolgen für unterschiedliche Nutzertypen abzuleiten.
Die Posten, die den Vergleich brechen
Start- und Vorgangsgebühr. Ein fester Betrag kann den effektiven kWh-Preis bei kurzen Vorgängen verdoppeln und bei langen verschwinden. Der Posten sagt damit auch, für welchen Kunden ein Netz gebaut ist.
Minutenanteil. Abrechnung nach Zeit statt Energie erzeugt Kosten, die von der Ladeleistung des Fahrzeugs abhängen. Derselbe Tarif ergibt für ein Fahrzeug mit 150 kW und eines mit 50 kW verschiedene Ergebnisse; ohne ausgeschriebene Fahrzeugannahme ist er nicht vergleichbar.
Blockiergebühr. Meist eine Fußnote, an stark genutzten Standorten aber ein realer Kostenbestandteil. Gemeinsam mit Auslastungsdaten gelesen wird sie besonders aussagekräftig: Netze mit hoher Blockiergebühr zeigen schnellere Umschlagzeiten je Ladepunkt.
Grundgebühr. Ein Tarif mit niedrigem kWh-Preis gegen monatliche Pauschale ist erst oberhalb eines bestimmten Monatsverbrauchs günstiger. Ohne berechneten Break-even lässt sich "günstiger" nicht sagen.
Steuer und Darstellung. Ob Preise inklusive Steuer ausgewiesen werden, unterscheidet sich zwischen Netzen. Zwei Listen unverändert nebeneinanderzulegen, macht aus zwei Darstellungen desselben Angebots eine scheinbare Preisdifferenz.
Roaming: ein Ladepunkt, drei Preise
Das ist der deutlichste Unterschied zum Handel. Der Betreiber einer Station und die App, über die bezahlt wird, sind oft nicht dasselbe Unternehmen, und jede Schicht dazwischen legt ihre Marge auf. Derselbe Ladepunkt landet in der Betreiber-App bei einem Preis und über einen Mobilitätsanbieter bei einem anderen.
Für das Datenmodell folgt daraus unmittelbar: Der Preis ist keine Eigenschaft der Station, sondern der Kombination aus Station und Kanal. Ein Datensatz ohne Kanalfeld sieht mehrere Preise für eine Station und liest das als Volatilität. Es ist keine Volatilität, sondern zwei verschiedene Verkäufer.
Praktisch heißt das, je Kanal eine Preisreihe zu führen statt eines Preises je Station. Genau das macht die Wettbewerbsanalyse aussagekräftig: Der Abstand zwischen dem Preis in der eigenen App eines Netzes und dem Roaming-Preis zeigt, wie aggressiv es seinen eigenen Kanal positioniert.
Eine Tarifänderung existiert nur, wenn sie erfasst wurde
Preislisten werden nicht rückwirkend veröffentlicht. Erhöht ein Netz, verschwindet der alte Wert von der Seite und wird ersetzt. Wer diesen Moment nicht erfasst hat, für den hat die Änderung nicht stattgefunden; rekonstruieren lässt sie sich nicht.
Tarifverfolgung ist damit, wie Auslastung, ein Abtastproblem. Der Unterschied: Tarife ändern sich viel seltener, bleiben dann aber. Häufige Erfassung dient hier nicht dem Momentzustand, sondern der genauen Datierung — nur so lässt sich messen, wann ein Netz erhöht hat und nach wie vielen Tagen die Wettbewerber nachzogen.
Wie eine Preisänderung zu lesen ist und welche Felder zusammen erfasst gehören, haben wir auf der Handelsseite in Anatomie einer Preisänderung beschrieben; bei Ladetarifen ist die Logik dieselbe, die Felder sind andere.
Aktion oder dauerhafte Senkung
Ladenetze machen Aktionen wie der Handel: Nachttarife, ein günstiger Einstiegstarif für Neukunden, befristete Preise entlang eines Korridors. Wer keine Zeitreihe hat, liest all das als "dieses Netz ist günstig".
Mit Reihe wird die Unterscheidung sauber. Eine Aktion ist eine Abweichung mit Anfang und Ende; eine dauerhafte Senkung ist eine Stufe auf ein neues Niveau. Positionierung ohne diese Trennung führt zu Netzen, die die Kampagne eines Wettbewerbers für dauerhaft halten und den eigenen Tarif bleibend senken. Dieselbe Unterscheidung haben wir im Handel unter echte Rabatte gegen Schein-Rabatte behandelt.
Preis ohne Auslastung bleibt eine halbe Antwort
Eine Tarifreihe allein ist unvollständig. Ein Netz, das den Preis senkt, ohne dass sich die Auslastung ändert, und eines, das den Preis hält, während die Auslastung steigt, sind zwei völlig verschiedene Geschichten im selben Markt. Elastizität wird erst sichtbar, wenn beide Reihen über dieselbe Stationsidentität verbunden werden.
Dafür muss die Auslastung vergleichbar gemessen sein; wie die Auslastung von Ladestationen gemessen wird, haben wir separat behandelt. Zusammen gelesen führen beide zur Investitionsfrage: Wo die Nachfrage unabhängig vom Preis sättigt, gehört neue Kapazität hin.
Fazit
Ladetarife zu vergleichen heißt nicht, Schaufensterpreise in eine Tabelle zu schreiben. Es braucht einen Referenzvorgang, je Kanal gespeicherte Preise, getrennt geführte Zusatzposten und eine Erfassung, die dicht genug ist, um eine Änderung zu datieren. Ohne das spiegelt die entstehende Rangfolge die Marketingentscheidungen der Netze wider, nicht ihre Preise.
Das Schema hinter unseren Nutzungsdaten für EV-Ladestationen beruht auf genau diesen Trennungen: Station, Kanal, Tarifbestandteile und Zeitstempel als eigene Felder. Der Preis ist der einfache Teil; das Produkt ist die Vergleichbarkeit.
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